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Workshop 2019 'Kollektive Identitäten'

Kollektive Identitäten. Unmöglichkeit - Notwendigkeit - Pluralität

Workshop am 05.07.2019 (Vorderasiatische Archäologie, ALU Freiburg)

 

Organisation und Veranstaltung:

PD Dr. Heike Delitz
(Soziologie, Otto-Friedrich-Universität Bamberg)

Prof. Dr. Marlies Heinz
(Vorderasiatische Archäologie, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg)

Stephanie Merten, M.A.
(Klassische Archäologie, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)

Martin Renger, M.A.
(Vorderasiatische Archäologie, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg)

  

Inhaltliche Idee:
Das Begehren nach, die Imagination von und die Kritik an »Kollektiven Identitäten« sind nicht nur ein hochaktuelles gesellschaftliches Thema. Auf vielfältige und äußerst konträre Weise werden Konzepte kol-lektiver Identitäten im Grunde auch permanent und in allen Sozialwissenschaften behandelt.

Dabei fällt in der Soziologie folgendes auf: Erstens haben wir es aktuell mit einer vielfachen gesellschaftlichen Spaltung entlang differenter Identifikationen zu tun. Ein Blick in jede Epoche und jeden Raum zeigt zwei-tens, dass dies keineswegs ein neues Faktum ist. Aus Theorieperspektive lässt drittens sich die (umkämpfte) Imagination kollektiver Identitäten als identisch mit kollektiver Existenz oder mit Gesellschaft verstehen: ›Gesellschaft‹, ein jedes Kollektiv existiert nur als geteilte Vorstellung einer Einheit des Kollektivs und seiner Identität in der Zeit. Dabei bleibt die Thematisierung kollektiver Identität oft implizit. Explizit tendiert die soziologische (anthropologische, archäologische) Theorie dazu, Konzepte von Kollektiven und Identitäten kritisch aufzulösen - selten sind analytische Konzepte, die erlauben, die Gründe der Imagination kollektiver Identitäten zu verstehen, die Begehren danach und die Effekte zu analysieren.

In solchen Konzepten kollektiver Identität (auf die der Workshop Wert legt) beantwortet sich die grundle-gende Frage, was Gesellschaften eigentlich sind - was das Objekt von Soziologie, Anthropologie, Archäologie ist, noch einmal neu: Gesellschaften, Kollektive sind zu denken als Imaginationen kollektiver Einheit und Iden-tität - als ebenso unmögliche, kontrafaktische, wie auch notwendige ›imaginäre Institution‹. Subjektformun-gen, Ausgrenzungen, Hierarchien, Solidarisierungen resultieren daraus. Und stets sind die Kollektive und deren Identitäten kulturell erzeugt: Sie haben nur symbolisch Existenz, z.B. im Modus von Architektur, in Ritualen, in Körperbemalungen. Die anthropologische wie soziologische Theorie hat dabei verschiedene hilfreiche Klassifikationen erstellt - Unterscheidungen verschiedener Modi der kollektiven Identität (z.B. anthropistische, animistische, totemistische; oder religiös gegenüber politisch fundierten Kollektiven). Da-mit werden auch differente Modi der Ausgrenzung, oder der Überlagerung von kollektiven Identitäten un-terscheidbar und anwendbar auf konkrete Befunde.

Die methodischen Wege zur Erhebung kollektiver Identitäten sind in der Soziologie dennoch nicht prob-lemlos. Und auch die Archäologie sieht sich hinsichtlich der Untersuchung der Erzeugung und Vorstellung kollektiver Identität in der Vergangenheit methodologischen Herausforderungen gegenübergestellt. Entlang der Frage, ob und inwiefern nicht-sprachliche kulturelle bzw. materielle Modi kollektiver Existenzen – also die Quellen, auf die sich archäologische Forschung bezieht und konzentriert – Aussagen auf Imaginationen von Identitäten (und Alteritäten) überhaupt zulassen, werden im Fächerdiskurs die Möglichkeiten, Reich-weiten und Probleme der (Re)Konstruktion von Identitäten abgewogen und kritisch reflektiert. Ist es tat-sächlich möglich, über materielle Homogenität ein abstrakt-immaterielles ›Wir-Gefühl‹ einer Gruppe (re)konstruieren zu können und vice versa: kann Heterogenität der Hinterlassenschaften gleichwohl Alterität bedeuten? Die Untersuchung rezenter soziokultureller Formationen bietet die Möglichkeit – wenn auch ebenso bedingt – die Korrelation zwischen diskursiven und nicht-diskursiven Modi kollektiver Existenzen zu evaluieren. Die Materialitätsformen kollektiver Identitäten können so als ein Modus erkannt werden. Die Verlängerung und Überprüfung dieser Erkenntnisse in die/der historische/n Dimension erscheint auf dieser Grundlage kontingent, aber nicht problemfrei. Genauso entscheidend in diesem Zusammenhang ist aber die Erfahrung aus der Soziologie hinsichtlich der Dimension, Skalierung und Reichweite ihrer Aussagen. Wieviel Diversität und Gleichartigkeit, Situativität sowie Temporalität, Relationalität und Dynamik erlauben kollektive Identitätskonstruktionen ohne Auflösungserscheinungen davonzutragen? Zeichnet sie genau das aus? Wann und unter welchen Bedingungen genügt ein gemeinsames Interesse, ein verbindender Gedanke, geteilte Zeit, eine gleiche, ähnliche oder an sich Körperverzierung bei sonst signifikanter Andersartigkeit, ist ein identischer Lebens- und Kleidungsstil wichtig? Auf welcher zeitlichen, räumlichen und emotionalen Ebene finden Identitätsstiftungen wie statt? Ist die Imagination kollektiver Identität immer zugleich auch materiell manifest? Oder wäre ›Identität‹ vielmehr als ein permanenter Prozess zu betrachten, bei dem nicht nur situative und temporäre Erzeugung, Auflösung und Neuorientierung, sondern auch gewollte Flüchtig-keit und (teils) Unsichtbarkeit (divergente Rollen) immer mitzudenken sind? Die Archäologie bringt dies freilich an ihre Grenzen. Erlaubt doch der Blick auf die Vergangenheit und ihre Menschen nur eine etische Position und ein ›für/über sie Sprechen‹ – und damit nur eine Fremdzuweisung. Diese Grenzen und Her-ausforderungen im gemeinsamen Austausch zwischen Archäologie und Soziologie explizit auszuloten und zu reflektieren, nicht zuletzt anhand konkreter Fälle, ist ebenso Ziel dieses Workshops wie nach den Grün-den der Aktualität zu fragen, die das Thema in beiden Disziplinen derzeit gewinnt.

 

Call for Participation

Programm des Workshops

 

Impressionen

WS Koll. Ident. 1WS Koll. Ident. 2b
(Foto: S. Merten)
 
(Foto: M. Renger)
 
WS Koll. Ident. 3WS Koll. Ident. 4
(Foto: M. Renger)
 
(Foto: M. Renger)
 
WS Koll. Ident. 5WS Koll. Ident. 6
(Foto: M. Renger)
 
(Foto: S. Merten)
 
WS Koll. Ident. 7WS Koll. Ident. 8
(Foto: S. Merten)(Foto: M. Steimer)


 

 

 

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