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Klima, Landwirtschaft und Gesellschaft

 

Zur Nachhaltigkeit früher landwirtschaftlicher Systeme im Vorderen Orient

Das seit Juli 2010 durch die DFG geförderte Forschungsprojekt thematisiert die in der Archäologie des Vorderen Orients zentrale Frage nach den Wechselbeziehungen zwischen Umwelt und Mensch in komplexen Gesellschaften und untersucht im Speziellen die Zusammenhänge zwischen Umweltveränderung und der Entwicklung landwirtschaftlicher Produktion früher Gesellschaften, d.h. deren Nachhaltigkeit.
Archäologische, philologische und naturwissenschaftliche Methoden, die unter der Disziplin Umweltarchäologie zusammengefasst werden können, sollen eingesetzt werden, um die Frage zu beantworten, wie umweltliche, politische und/oder kulturelle Faktoren zum Fortbestehen oder Wandel landwirtschaftlicher Systeme im Verlauf der Zeit führten. Das Ergebnis wird durch komplementäre Methoden gewonnen, die in dieser Kombination zuvor nicht angewendet wurden. Sie umfassen die Archäobotanik, die stabile Isotopengeochemie, Geoarchäologie i.w.S., Vorderasiatische Archäologie und Altorientalische Philologie.

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Abb.1 Hauptuntersuchungsgebiet mit kooperierenden archäologischen Grabungsprojekten
 
 

Ausgangssituation 

Wenngleich historisches Wissen für eine nachhaltige Entwicklung fundamental ist (Tainter, 1995), werden historische Quellen nur unzureichend im Bereich der Nachhaltigkeitsforschung genutzt. In diesem Sinne trägt die archäologische Forschung über ihren Eigenwert hinaus ein großes Potential zur Lösung moderner, gesellschaftlich relevanter Fragestellungen.
Mindestens drei übergeordnete Faktorengruppen wurden während der letzten Jahre für gesellschaftlichen Kollaps verantwortlich gemacht. Diese sind:

  •  klimatische und umweltliche Aspekte, die zu wirtschaftlichen Defiziten führen (Staubwasser und Weiss, 2006)
  •  die Entwicklung von Komplexität in Problemlösungssystemen, die zu einem Missverhältnis zwischen Energieeinsatz und Gewinn führen (Tainter, 1988) oder allgemeiner, zu größerer sozialer Komplexität, die das System verwundbarer macht (Wilkinson, 1997) oder
  •  eine Kombination beider Faktoren, d.h. umweltliche und soziale Beschränkungen, die im Unvermögen einer Regierung gipfelt, vernünftige langfristige Entscheidungen zu fällen, um Probleme zu lösen (Diamond, 2005; Hole, 2007).
     

Um ein besseres Verständnis der Entwicklung vergangener landwirtschaftlicher Gesellschaften zu erlangen, muss das komplexe Gefüge verschiedener umweltlicher, ökonomischer und sozialer Faktoren entflochten werden. Nur eine detaillierte Analyse dieser Faktoren und der Natur ihrer Beziehungen ermöglicht die Erkenntnis des Ursachen-Effekt-Gefüges, das nicht nur in den historischen Wissenschaften, sondern auch für die Entwicklung der Entscheidungsfindung und Verantwortung in modernen Gesellschaften wegweisend ist.

 

Politische und soziokulturelle Aspekte als Einflussfaktoren der landwirtschaftlichen Produktion in der Vergangenheit

Zahlreiche Belege in archäologischen Ausgrabungen sowie Schriftquellen betonen direkt oder indirekt die Bedeutung politischer und kultureller Faktoren bei der Entwicklung landwirtschaftlicher Produktion. Als kausal für den Kollaps früher Gesellschaften werden betrachtet:

  •  Übernutzung der Landschaft durch Agglomeration der Produktion in spezifischen ökologischen Regionen mit gleichzeitigen sozio-ökonomischen und politischen Beschränkungen, die eine Adaptation an veränderte Umweltbedingungen verhinderten (Wilkinson 1997).
  •  Fremdherrschaft in Verbindung mit der regionalen Aufgabe von Siedlungen (Akkermans und Schwartz, 2003).
  •  Innenpolitischer Wandel durch Akkulturation fremder Bevölerungsgruppen (Akkermans and Schwartz, 2003).

 

Paläoklima und Umwelt als beeinflussende Faktoren auf die landwirtschaftliche Produktion

Umweltforschung in Zeiträumen vor 1650 AD basiert größtenteils auf der Erforschung von Paläoklimaproxyarchiven und auf Paläoklimamodellen.
Im Vorderen Orient liegen mittlerweile trotz der schlechten Erhaltungsfähigkeit von Pollen und den damit verbundenen vergleichsweise spärlichen Ergebnissen zur Vegetationsgeschichte zahlreiche Ergebnisse zur holozänen Klimageschichte aus Untersuchungen diverser anderer Paläoklimaarchive vor. Die Erkenntnisse zur allgemeinen holozänen Klimaentwicklung sowie den speziellen Fluktuationen (s.a. RCC (Rapid Climate Change) Events), die mit Einschränkungen häufig mit Siedlungsaufgaben korrelieren, dienen als Ausgangsbasis unserer Untersuchungen.
Der regionalen Variabilität, die sich für zahlreiche Abschnitte deutlich zeigt, fällt dabei besonderes Augenmerk zu. Die Probleme der regionalen Variabilität müssen sowohl hinsichtlich ihrer chronologischen Bedeutung, als auch ihrer regionalen Ausdehnung spezifiziert werden, was nur durch lokale Umweltproxydaten wie z.B. stabile Isotope in archäobotanischen Resten erfolgen kann. 

Bezüglich der Kulturpflanzenproduktion im Vorderen Orient liegen archäobotanische Ergebnisse vor, die mit den klimatischen Veränderungen im Mittel- bis Spätholozän korrelieren (Riehl, 2009). Weiterhin weisen Ergebnisse der stabilen Kohlenstoffisotopie in Kulturpflanzenresten auf eine größere Trockenheit während der Mittelbronzezeit (Riehl et al., 2008). Momentan liegen aber noch nicht genügend Daten vor, um ein überregionales Bild der Wirkung von Klimaveränderungen auf die Kulturpflanzenproduktion in frühen Stadtstaaten zu entwerfen.

 

Fragestellung

Zielsetzung des Projektes ist es, den Einfluss früher Umweltdynamik im Spannungsfeld zwischen ökonomischer Anpassung durch technologischen Fortschritt und traditionsgebundenen Wirtschaftsweisen zu erforschen.
Dabei stellt der Vordere Orient im Allgemeinen und der metallzeitliche Abschnitt im Besonderen einen besonders geeigneten Untersuchungszeitraum dar, um die frühe Anpassung des Menschen an eine sich verändernde Umwelt zu untersuchen. Die Region ist überwiegend semi-arid und daher empfänglich für kleinste Schwankungen in Klima und Umwelt. Der umfangreiche archäobotanische Datenfundus dieser Region erlaubt die detaillierte Erforschung von Anpassungsprozessen. 

Basierend auf diesem allgemeinen Konzept sollen im beantragten Projekt folgende Fragen geklärt werden:

  •  Zeigen sich deutliche Signale hinsichtlich Veränderungen in der Wasser- und Nährstoffverfügbarkeit in alten Kulturpflanzen?
  •  Gibt es Veränderungen in der ökonomischen Relevanz einzelner Kulturpflanzenspezies im Zeitverlauf und wie können sie unter Berücksichtigung von paläoklimatischen Proxydaten und antiken Texten erklärt werden?
  •  Welche umweltlichen und/oder sozio-politischen und/oder kulturellen Faktoren führten entweder zum Fortbestand oder zur Veränderung eines landwirtschaftlichen Systems während einer archäologischen Übergangsperiode und wie äußern sie sich (Bsp. Bewässerungswirtschaft)?
  •  Wie adaptierten fortbestehende Siedlungen ihre landwirtschaftliche Produktion an Veränderungen der Umwelt und/oder des sozio-politischen Systems?
  •  Wie divers sind die Schemata der Veränderungen oder der Kontinuität; d.h. treten sie in regionalen oder sogar überregionalen Einheiten auf?

 

Die Beantwortung dieser Fragen trägt nicht nur zum archäologischen Grundverständnis der Entwicklung früher Gesellschaften bei, sondern kann auch als Handlungsplattform für die Nachhaltigkeitsforschung im landwirtschaftlichen Bereich, z.B. in Verbindung mit Prognosenbildung globaler politischer und wirtschaftlicher Stabilität im Kontext von zukünftigem Klimawandel verstanden werden, da die Analyse solcher komplexer Netzwerke ein gewisses Grundverständnis von Ursachen-Effekt-Gefügen mit sich bringt.

 

Methoden 

Mehrere Schienen der Beweisführung müssen betrachtet werden, um die beschriebenen Fragen in ausreichendem Maße zu beantworten und um die Integration aller beteiligten Faktoren zu gewährleisten. Diese schließen klimatische Fluktuationen, Umweltdegradierung durch menschlichen Einfluss und landwirtschaftliche Entscheidungsfindung, die auf kulturellen Konventionen, ökonomischen und politischen Zielen basiert sowie eine Rekonstruktion, wie alle diese Faktoren miteinander verbunden sind, ein.

Die Methoden und ihre Anwendungsgebiete gliedern sich wie folgt:

  •  Landschaftsanalytische und geoarchäologische Methoden zur Rekonstruktion des landwirtschaftlichen Potentials sowie Auswertung verfügbarer archäologischer Daten bezüglich der Siedlungsgrößen und Siedlungsaufgaben zur Erschließung der Siedlungsdynamik ausgewählter Gebiete (Arbeitsbereich K.E. Pustovoytov)
  •  Archäobotanische Analyse sowie Auswertung der mehr als 16 Mio. Einträge umfassenden archäobotanischen Datenbank zur Erarbeitung genereller Muster und Veränderungen der Kulturpflanzenproduktion vom Neolithikum bis zum Ende der Eisenzeit (Arbeitsbereich S. Riehl)
  • Stabile Kohlenstoffisotopie zur Bestimmung des Trockenheitsstress in archäologischen Getreideresten während verschiedener Perioden (Arbeitsbereich S. Riehl)
  • Stabile Stickstoffisotopie in subfossilen Getreideresten zur Bestimmung der früheren Wachstums- und Bodenbedingungen für Getreidepflanzen (Arbeitsbereich S. Riehl)
  • Auswertung historischer Texte hinsichtlich Informationen über die Entwicklung landwirtschaftlicher Systeme (Arbeitsbereich A. Dornauer)

 

Arbeitsgruppe

Die Arbeitsgruppe besteht aus drei Wissenschaftlern und mehreren wissenschaftlichen Hilfskräften.


Die Kooperation und Arbeitsbereiche der Mitglieder der Arbeitsgruppe ist in Abb.2 dargestellt.


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Abb.2 Zusammensetzung der interdisziplinären Arbeitsgruppe mit Hauptarbeitsbereichen und inhaltlichen Schwerpunkten

 

Literatur

  • Akkermans, P.M.M.G. and Schwartz, G.M., 2003. The archaeology of Syria. From complex hunter-gatherers to early urban societies (ca. 16000 - 300 BC). Cambridge World Archaeology. Cambridge University Press, Cambridge, 467 pp.

  • Diamond, J., 2005. Collapse. How societies choose to fail or succeed. Penguin, New York, 575 pp.

  • Hole, F., 2007. Agricultural sustainability in the semi-arid Near East. Climate of the Past, 3: 193–203.

  • Riehl, S., 2009. Archaeobotanical evidence for the interrelationship of agricultural decision-making and climate change in the ancient Near East. Quaternary International, 197: 93-114.

  • Riehl, S., Bryson, R.A. and Pustovoytov, K., 2008. Changing growing conditions for crops during the Near Eastern Bronze Age (3000-1200 BC): The stable carbon isotope evidence. Journal of Archaeological Science, 35(4): 1011-1022.

  • Staubwasser, M. and Weiss, H., 2006. Holocene climate and cultural evolution in late prehistoric-early historic West Asia. Quaternary Research, 66: 372-387.

  • Tainter, J.A., 1988. The collapse of complex societies. Cambridge University Press, Cambridge.

  • Tainter, J.A., 1995. Sustainability of complex societies. Futures, 27(4): 397-407.

  • Wilkinson, T.J., 1997. Environmental fluctuations, agricultural production and collapse: a view from Bronze Age upper Mesopotamia. In: H.N. Dalfes, G. Kukla and H. Weiss (Editors), Third millennium BC climate change and Old World collapse. NATO ASI Series. Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, pp. 67-106.

 


 

For more information: projekt-riehl@orient.uni-freiburg.de
English text version: http://www.urgeschichte.uni-tuebingen.de/


 


 

Das Projektvorhaben profitiert von bereits vorhandenen Kooperationen mit zahlreichen Archäologen.


Kooperationsabsprachen bestehen mit folgenden Wissenschaftlern:

Dr. Marion Benz, Institut für Vorderasiatische Archäologie, Universität Freiburg (Körtik Tepe, Türkei)


Prof. Nicholas Conard, Institut für Ur- und Frühgeschichte, Universität Tübingen (Chia Sabz, Iran)


PD Dr. Rainer Czichon, Institut für Vorderasiatische Archäologie, Freie Universität Berlin (Nerik/Oymaagac, Türkei)


Dr. Uwe Finkbeiner, Altorientalisches Seminar, Universität Tübingen (Emar/Meskene, Syrien & Tell Burak, Libanon)


Prof. Hermann Genz, Department of History and Archaeology, American University of Beirut (Tell Fadous, Libanon)


Prof. Marlies Heinz, Institut für Vorderasiatische Altertumskunde, Universität Freiburg (Kamid el-Loz, Libanon)


Prof. Jens Kamlah, Seminar für Biblische Archäologie, Universität Tübingen (Hirbet ez-Zeraqon, Jordanien; Tell Burak, Libanon)


Dr. Gunnar Lehmann, Dept. of Bible, Archaeology and Ancient Near Eastern Studies, Ben-Gurion University (Qubur al-Walaydah, Israel)


PD Dr. Mirko Novak, Altorientalisches Seminar, Universität Tübingen sowie

 

Dr. Lutz Martin, Vorderasiatisches Museum, Berlin (Tell Halaf, Syrien)


Prof. Dr. Peter Pfälzner, Altorientalisches Seminar, Universität Tübingen (Qatna/Tell Mishrifeh, Syrien)


Prof. Dr. David Schloen, Oriental Institute, University of Chicago (Zincirli, Türkei)
Dr. Itzick Shai, Department of Land of Israel Studies and Archaeology, Bar-Ilan University (Tel Burna, Israel)

 

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